„Wer, was, wozu und warum?“ – Praxiswerkstatt zu Zeitzeugen(schaft) in der Vermittlungsarbeit

Ein weiteres Mal fand die Praxiswerkstatt des Forschungsverbundes „Das umstrittene Erbe von 1989“ statt. Am 13. und 14. Juni 2022 kamen Bildner*innen der historisch-politischen Vermittlungspraxis in Leipzig zusammen, um das Thema „Zeitzeugen(schaft)“ aus verschiedenen Perspektiven und in Bezug auf die eigene Bildungsarbeit zu diskutieren.

Dr. Christian Ernst führte im Vortrag „Geschichte im Dialog? ‚DDR-Zeitzeugen‘ in der Bildungspraxis“ grundlegend in das Thema ein und gab u.a. Antworten auf die Fragen: Woher kommt der Begriff ‚Zeitzeugen‘ und was bedeutet er? Wer sind eigentlich Zeitzeug*innen in der außerschulischen DDR-Geschichtsvermittlung und wer nicht? Warum und wozu werden sie in der Bildungspraxis eingesetzt? Bereits während seines Inputs hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Der informative und anschauliche Beitrag gab zahlreiche Impulse, welche die Gruppe während des gesamten Verlaufs der Praxiswerkstatt immer wieder aufnahmen. Bereits im Anschluss gab es dazu umfassend Gelegenheit: In verschiedenen methodischen Settings verorteten die Teilnehmenden sich und ihre Arbeit u.a. innerhalb der von Christian Ernst aufgespannten Parameter. Beispielsweise gingen sie in einer Art World-Café-Format der Frage nach, wie ihre Bildungsarbeit aussehen würde, wäre die Arbeit mit Zeitzeug*innen plötzlich nicht mehr möglich.

Dr.in Agnès Arp gab zum Auftakt des zweiten Tages Einblicke in die Arbeit der Oral-History-Forschungsstelle (OHF) der Universität Erfurt. Die Forschungsstelle beschäftigt sich mit Lebensverläufen von ‚Ostdeutschen‘, führt und sammelt hierzu biografische Interviews, bereitet diese auf und stellt sie als Forschungsdaten zur Verfügung. Darüber hinaus hat es sich die OHF zur Aufgabe gemacht, Forschung und gesellschaftliche Debatten in einen Austausch zu bringen und die Methode der Oral History fundiert und qualifiziert zu vermitteln. Für die Teilnehmenden der Praxiswerkstatt gab dieser spannende Input von Agnes Arp u.a. Anlass zu der Frage, welche Schnittmengen zwischen Oral History und der Bildungsarbeit mit Zeitzeug*innen bestehen.

Den weiteren Verlauf der Werkstatt gestalteten die Teilnehmenden dann  entsprechend der bis zu diesem Punkt der Werkstatt entstanden Fragen und hinsichtlich ihrer Bedürfnisse selbst. Dazu entwickelten sie drei Fragestellungen, die sie gemeinsam bearbeiteten: Sie fragten sich, wie ein Traumzeitzeugenformat aussehen würde, wie die Einbindung von Zeitzeug*innen inhaltlich und strukturell gut gelingen kann und welche Bedeutung bestehende pädagogische Standards für die eigene Vermittlungsarbeit haben (können). Zum Abschluss der Werkstatt hatten die Teilnehmenden Raum für Feedback und Anregungen. Ein Fazit war, dass der Bedarf an dieser Art der Praxiswerkstatt nach wie vor sehr hoch bleibt – viele der Beteiligten wünschen sich ein Fortbestehen dieses Formats auf lange Sicht.

Wie die vorangegangenen Praxiswerkstätten, so zeichnete sich auch diese durch eine interessierte, produktive und angeregte Atmosphäre aus. Wir bedanken uns bei allen, die dabei waren.

Tagung „Bruchzonen der Transformation“

Am 12. und 13. Mai fand in Freiburg die zweite Tagung unseres Forschungsverbunds statt. Unter dem Titel „Bruchzonen der Transformation“ betrachteten wir aus interdisziplinärer Perspektive die Folgen von Wandel und Zusammenbruch vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Tagungsort war das Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS).

Ausgehend von den drei zentralen Perspektiven unseres Verbundes – Politisierung, Popularisierung und außerschulische Vermittlungspraxis – ging es während der Tagung darum, die Ergebnisse unserer Forschung mit Fragen und Perspektiven auf andere Zusammenbruchsräume und -zeiten in Bezug zu setzen.

Das Podiumsgespräch zum "Umstrittenen Erbe von 89"
Tagungsaktuelle Lektüre
Klaus Müller spricht zu Transformationen in Polen, Mod.: Sabine Stach

Ein Schwerpunkt bildete neben Ostdeutschland die Situation im östlichen Europa (v.a. in Polen). Weiterhin diskutierten wir Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Rezeption von und Diskussion um den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Der dritte Vergleichsfall widmete sich dem (v.a. literarischen) Diskurs um die Reconstruction, eine nach wie vor hochambivalent wahrgenommene Periode der US-amerikanischen Geschichte. Ein weiterer Block beschäftigte sich mit der außerschulischen Vermittlungspraxis und der Frage, welche Rolle die Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen in der historisch-politischen Bildung spielt (oder spielen sollte).

Insgesamt erwies sich, dass die Diskussion von Vergleichsfällen sehr gut geeignet ist, in den Folgen von unterschiedlichen Transformationsprozessen gemeinsame Linien wie Besonderheiten zu erkennen. Die Diskussionen zeigten das große Potential, Asymmetrien, Verflechtungen und Parallelen, frei nach Christoph Kleßmann, in den Vergleichsgeschichten zusammen zu denken. Zugleich zeigten sie aber auch die Notwendigkeit zur Schärfung von Begriffen, und sie verwiesen auf eine stärkere Sensibilisierung für regionale Räume und ihre Besonderheiten.

Am Vorabend der Tagung (am 11. Mai) fand in Kooperation mit dem Literaturhaus Freiburg eine Lesung mit dem Autor Lukas Rietzschel statt. Er las aus seinem neuen Roman „Raumfahrer“ und sprach mit Anna Lux über die Reize wie Schattenseiten der ostdeutschen Provinz, konkret der Oberlausitz. Darüber hinaus ging es um intergenerationelle Erfahrungen und Divergenzen sowie über Literatur und wie diese dabei helfen kann, über lang Verdrängtes ins Gespräch zu kommen.

Unruhiges Jahresende – die Radikalisierung der Corona-Proteste

Wissenschaft ist vor allem dann erfüllend, wenn genügend Ruhe ist, um konzentriert an Texten, Lektüren oder der Dateninterpretation zu arbeiten. Aber immer wieder und immer wieder mal in der Projektlaufzeit drängen unsere Forschungsthemen beunruhigend in die Öffentlichkeit: Unsere Beobachtungen, wie sich in Ostdeutschland mit Bezug auf 1989 ein Widerstandsnarrativ ausformuliert hat, das von extrem rechten Akteuren dominiert wird. Dass dieses Narrativ weniger Ausdruck von Nostalgie ist, sondern eine auf Gegenwart und Zukunft zielende Kampfansage: „vielmehr ist der Osten ein gegenwärtiger Sehnsuchtsort der extremen Rechten geworden.“ Und dass sich dieser Widerstand verknüpft mit einem Narrativ des Systemumsturzes, das Analogien zur DDR bemüht – häufig aber nur als Umweg, weil es ganz andere, historisch ältere Ordnungsvorstellungen aufruft. Dass dies eingebettet ist in die Entstehung politischer Milieus in Ostdeutschland – gewachsen in den Protestbewegungen seit Pegida und grundiert mit sich radikalisierenden Deutungen von Krisen und Folgenkrisen (Finanzkrise, Migrationskrise, Coronakrise), die staatliche Institutionen als feindlich gesinnt markieren. Darüber haben wir in diesem Jahr viel geschrieben und publiziert und zuletzt haben sich diese Entwicklungen in einer Weise zugespitzt, dass wir mit Partnern der Zivilgesellschaft den – nicht unbedingt angenehmen – Weg in die Öffentlichkeit gesucht haben. Von Sachsen aus begannen, unter dem mobilisierenden Einfluss der rechtsextremen Kleinstpartei „Freie Sachsen“, kontinuierliche fortgesetzte Corona-Proteste: Auseinandersetzungen mit der Polizei am Wende-Denkmal in Plauen, Fackelmärsche vor dem Privathaus der sächsischen Gesundheitsministerin, Todesdrohungen gegen Politiker, Vergleiche von zur Verstärkung geholten Polizeieinheiten aus Westdeutschland mit den russischen Besatzungstruppen in der DDR. Lange Zeit hat das Nichteinschreiten der Polizei diese Proteste ermuntert und befeuert und ein Gefühl berührt, dass in unseren Interviews häufig Thema ist: die Wahrnehmung, dass die politischen Verhältnisse in Ostdeutschland nicht stabil sind - eine laute Minderheit zieht daraus ihr Selbstbewusstsein, die darüber besorgte Mehrheit aber, die ungehört bleibt und die keine Stimme hat, die kann das dauerhaft entmutigen.

Zu diesem Thema hat Alexander Leistner aus dem Teilprojekt „alltagsweltliche Demokratieverständnisse“ zahlreiche Interviews geführt: für den MDR, die ARD Tagesthemen, das ARD Morgenmagazin, die dpa, mehrfach für die Freie Presse, den Saarländischen Rundfunk, den Hessischen Rundfunk, RBB Antenne Brandenburg, die tschechische Wochenzeitschrift „Respekt“ und zuletzt – ausführlich – für einen 3stündigen Jahresrückblick im MDR Sachsen – Sachsen Radio. Der Ausblick dort geriet besorgt aber auch nüchtern: die Corona-Proteste weiten sich deutschlandweit aus und drohen sich weiter zu radikalisieren, aber das Protestpotenzial ist vor Ort begrenzt und ausgereizt. Was es vor allem braucht neben 2G sei 2V – Vertrauen und Verantwortung. Eine konsistente Corona-Politik, die Vertrauen zurückgewinnt: in Politik aber auch in Wissenschaft. Über 100 Hassmails haben uns als Projekt seitdem erreicht. Aber ein Großteil bleibt ungelesen. Denn Wissenschaft ist vor allem dann erfüllend, wenn endlich wieder genügend Ruhe ist, um konzentriert an Texten, Lektüren oder der Dateninterpretation zu arbeiten.

Out now! Der Sammelband zum Forschungsverbund

Am 15.11.2021 ist im Böhlau Verlag ein Sammelband erschienen, der wichtige Zwischenergebnisse des Forschungsverbundes bündelt und eine Vielzahl von Beiträgen anderer Kolleg:innen versammelt (u.a. von Karl-Siegbert Rehberg, Ute Frevert, Dorothee Wierling, Ilko-Sascha Kowalczuk, David Begrich). Das Buch thematisiert den Zusammenbruch der DDR im Jahr 1989 als ein historisches Ereignis, dessen Gegenwart auf unvergleichbare Weise in der Gesellschaft des wiedervereinten Deutschlands zu spüren ist. Friedliche Revolution, Wiedervereinigung und die Folgejahre werden jedoch höchst unterschiedlich erinnert, interpretiert und angeeignet. Der Band widmet sich dieser Vielstimmigkeit und versammelt Beiträge zu unerwarteten Kontinuitäten zwischen der politischen Kultur heute und damals, zum Widerhall von 1989 in ostdeutschen Protestbewegungen der letzten 30 Jahre und zur Geschichte und Bedeutung populärkultureller Repräsentationen von 1989 in Musik, Literatur und Film. Auch die aktuellen Herausforderungen, vor denen die politisch-historische Bildungsarbeit zur DDR steht, werden thematisiert.
Der Sammelband wurde von Monika Wohlrab-Sahr und Alexander Leistner herausgegeben und ist nunmehr im Buchhandel erhältlich  und / oder als Open Access frei verfügbar.

Unser Verbund ist mit sieben Beiträgen vertreten. Alexander Leistner beginnt den Band mit einem programmatischen Text zur Vergangenheit und Zukunft der Transformationsforschung. Von ihm stammt auch ein soziologisches Feuilleton über Erfahrungen aus unserer Feldforschung, das im nächsten Jahr auch in französischer Übersetzung in der kanadischen Zeitschrift „Sociologie et sociétés“ erscheinen wird. Greta Hartmann präsentiert Ergebnisse zu den alltagsweltlichen Resonanzen der geschichtspolitischen Aneignung von 1989. Jonas Brückner liefert in seinem Überblicksartikel profunde Einblicke in populärkulturelle Thematisierungen von 1989 in den letzten 30 Jahren. Anna Lux wiederum vertieft die Auseinandersetzung mit Populärkultur und charakterisiert diese als „Ort pluraler Beheimatung“ in Ostdeutschland. In ihrem Beitrag gibt Christina Schwarz Einblicke in das Feld der außerschulischen Geschichtsvermittlung und dessen aktuellen Herausforderung. Der Sammelband schließt mit einem rahmenden Nachwort von Monika Wohlrab-Sahr.

So es die Pandemie zulässt wird es am 01.12.2021 im Saal des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig eine von Antonie Rietzschel (Süddeutsche Zeitung) moderierte Buchpremiere geben - ein kleines Podiumsgespräch mit den Herausgebenden, Anna Lux und David Begrich. Sie sind herzlich (unter Beachtung des Hygienekonzetes des HdG) dazu eingeladen. Eine Liveübertragung ist nicht möglich, aber wir werden im Nachgang eine Videoaufzeichnung zur Verfügung stellen.

Die Veranstaltung wird Anfang des Jahres nachgeholt!!! Näheres dann hier auf der Homepage.

Zuletzt sind schließlich zwei Publikationen erschienen, zu denen der Verbund beigetragen hat. Das Zeitbild "Protest. Deutschland 1949-2020" der Bundeszentrale für politische Bildung liefert einen umfassenden Blick auf Protest und seine Geschichte in Deutschland, in Ost wie West. Alexander Leistner hat dafür Texte zur DDR-Opposition, zu PEGIDA (mit Martin Langebach) und die Querdenken-Bewegung (mit Sabine Stach) beigesteuert. Von ihm stammt auch ein Beitrag über "Nostalgie als soziologische Erklärung der Gegenwart von Vergangenheit in Ostdeutschland?", den er zusammen mit Julia Böcker für das aktuelle Themenheft der Zeithistorischen Forschungen verfasst hat.

"Die Lust am heiteren 'Aber'" - Praxiswerkstatt zu populären Medien

Am 8. und 9. November 2021 fand zum dritten Mal die Praxiswerkstatt des Forschungsverbundes Das umstrittene Erbe von 1989 statt. Die Teilnehmer*innen aus der historisch-politischen Bildungspraxis arbeiteten und diskutierten an zwei Tagen gemeinsam mit Gästen aus Forschung, Kunst und Kultur und Medienpädagogik zum Thema „89 goes Pop - Herausforderungen und Potenziale populärer Medien für die Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen“. Einleitend sprach Prof. Dr. Thomas Lindenberger vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden über „Die Lust am heiteren ‚Aber’: facts and fiction und die Lust an der Popgeschichte“, so der Titel seines inspirierenden Vortrags. In verschiedenen Workshops wurde zudem reflektiert, welche Rolle populäre Medien in der Bildungsarbeit, aber auch im Alltag spielen und spielen können: Sind sie Wissensressource oder dienen sie der Unterhaltung? Wie nehmen Jugendliche diese Medien wahr? Wo gibt es Schnittmengen der eigenen Bildungsarbeit mit medienpädagogischer Projektarbeit? Impulse für die Reflexion der letzten Frage gab Katja Röckel, die spannende Einblicke in die Arbeit der Hörfunk- und Projektwerkstatt Leipzig e.V. gewährte. Ein Highlight und der gelungene Abschluss des ersten Tages war die öffentliche Lesung „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von und mit Manja Präkels, in deren Anschluss die Weimarer Zuschauer*innen mit der Autorin ins Gespräch kamen. Im Workshop „Let’s practice: ‚Freiheit auf Lunge’“, den unsere Verbundkollegin Dr. Anna Lux gemeinsam mit Prof. Dr. Juliane Brauer durchführte, hatten die Teilnehmer*innen der Praxiswerkstatt schließlich (am letzten Tag) die Möglichkeit das Online-Lernmodul „1989 rockt! Geschichte hören und verstehen“ auszuprobieren und für die eigene Bildungsarbeit zu erproben.

Wir bedanken uns bei allen, die dabei waren für die anregenden Gespräche, das produktive Miteinander und gute Beisammensein. Vor allem danken wir auch der EJBW für die umsichtige Beherbergung.

Aktuelle Veranstaltung des Verbundprojekts

Ort: Reithaus Weimar, Platz der Demokratie 5
Zeit: 8. November 2021, 19:30 Uhr (Dauer ca. 90 Minuten)
Der Eintritt ist frei

Infos zu den Infektionsschutzregelungen weiter unten

Am 8. November ist die Journalistin, Musikerin und Autorin Manja Präkels zu Gast im Weimarer Reithaus. Sie liest aus ihrem Debütroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, der 2018 erschien und u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Durch das Gespräch führt die Verbundmitarbeiterin und Freiburger Historikerin Anna Lux.

Das Buch erzählt vom Verschwinden der DDR und von der Wendezeit in der brandenburgischen Provinz aus der Sicht von Jugendlichen. Im Mittelpunkt stehen Mimi und Oliver, zunächst Nachbarskinder und Angelfreunde. Sie spielen zusammen Fußball und berauschen sich bei Familienfesten an den Schnapskirschen ihrer Eltern. Mit dem Mauerfall zerbricht ihre Freundschaft. Mimi wird zur linken „Zecke“, Oliver unter dem Kampfnamen „Hitler“ zum Anführer marodierender Jugendbanden. Es geht um Freundschaft, Angst und Wut, um Aufbrüche und Abbrüche, um Bleiben und Weggehen. Und nicht zuletzt geht es um die Frage, wie man damit umgeht, wenn die eigene Heimat Angst macht.
Der Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist autobiographisch geprägt, 1974 wurde die Autorin Manja Präkels in Zehdenick/Mark geboren. Er ist so zum einen ein historisches Buch, zum anderen ein hochaktuelles. Der Roman löste nach Erscheinen intensive Diskussionen über Rechtsradikalismus und Gewalterfahrungen in den 1990er Jahren aus, eine Zeit, die der Journalist Christian Bangels als „Baseballschlägerjahre“ bezeichnete. Präkels gehört mit ihrem Buch heute zu den wichtigsten Stimmen zum Thema Rechtsextremismus in Ostdeutschland, seinen Wurzeln und Folgen bis in die Gegenwart.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation unseres Forschungsverbundes mit der Stiftung Ettersberg und dem BMBF-Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“.

Informationen zum Infektionsschutz

Die Veranstaltung wird auf Grundlage des 2G-Optionsmodells durchgeführt. Das heißt, dass eine Teilnahme nur mit folgenden Nachweisen möglich ist:

  • gültiger Nachweis über Genesung (Bestätigung einer mindestens 28 Tage und nicht länger als sechs Monate zurückliegenden Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2) oder
  • gültigen Nachweis über eine vollständige Impfung gegen Covid-19/Corona, die mindestens 14 Tagen vor Veranstaltungsbeginn abgeschlossen wurde.
  • Gleichgestellt zu "geimpft oder genesen" sind Kinder unter 12 Jahren und Kinder und Jugendliche bis zum 18. Geburtstag nach Vorlage eines negativen Antigenschnelltest-Nachweises

Die Nachweise gelten jeweils nur in Kombination mit einem Identitätsnachweis (Personalausweis, Pass oder Führerschein). Zudem möchten wir Sie darauf hinweisen, dass die Besucher*innenanzahl aus Gründen des Infektionsschutzes begrenzt ist.

Einlass ist ab 19 Uhr. Bitte planen Sie ausreichend Zeit ein, damit wir pünktlich um 19:30 beginnen können.

Aufbrüche und Untergänge - aktuelle Veröffentlichungen aus dem Projekt

Neben einem anhaltend regen Medieninteresse arbeitet(e) unser Team in der ersten Jahreshälfte selbst an verschiedenen Veröffentlichungen, die bereits erschienen sind oder im Laufe des Jahres erscheinen. Hauptaugenmerk lag dabei auf der Fertigstellung des Manuskriptes für unseren Sammelband, der die Auftakttagung des Verbundes dokumentiert und Ende des Jahres im Böhlau-Verlag erscheint. Noch ganz druckfrisch ist ein Aufsatz von Anna Lux und Alexander Leistner mit dem Titel: "Letztes Jahr Titanic". Untergegangene Zukünfte in der ostdeutschen Zusammenbruchsgesellschaft seit 1989/90. Im Themenheft "Untergänge" der Historischen Anthropologie erschienen, formuliert der Beitragen einen Vorschlag für die Historisierung und Analyse der ostdeutschen Transformationsgeschichte. Analysiert man die Geschichte seit 1989 entlang des Begriffspaares Erfahrung und Erwartung, kommen die unterschiedlichen (untergegangenen) Erwartungshorizonte und der (krisenhafte) Wandel von Zeiterfahrungen in Ostdeutschland in den Blick. Diese Zeiterfahrungen prägen, wie wir in dem Text zeigen, auch die Wahrnehmung des Politischen und befördern dichotome Vorstellungen von der Ordnung der Welt (als sinnhaft und fraglos gegeben oder im Kontrast als chaotisch, unberechenbar und unkontrollierbar), von sozialem Wandel (als steuerbar oder aber dem einzelnen anomisch widerfahrend) und von den Grenzen und Horizonten des Handelns beziehungsweise der Zurechnung von Verantwortung.

Zur Leipziger (Online-)Buchmesse wurde eine zweibändige Buchpublikation der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. und der Bundeszentrale für politische Bildung vorgestellt: "(Ost)Deutschlands Weg 1989 bis 2021 – 80 Studien und Essays zur Lage des Landes". Im u.a. von Ilko-Sasche Kowalczuk herausgegeben ersten Band "1989 bis heute" hat Alexander Leistner über die Formierung der Oppostion im Herbst 1989 geschrieben. Im zweiten Band zur "Gegenwart und Zukunft" hat Christina Schwarz einen Text über Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der historisch-politischen Bildung beigesteuert.

Zu Gast bei "Mrs. Pepsteins Welt"
Buchcover der "Historischen Anthropologie"
Filmaufnahmen für ZDF-History

Die anhaltenden Proteste der Querdenken Bewegung gegen die Corona-Schutzmaßnahmen hatte ZDF History zum Anlass genommen in einer in einem 45-minütigen Film genauer zu beleuchten wie politische Bewegungen sich Geschichte aneignen. Unter dem Titel "Geklaute Geschichte" wurde dem nahezu obsessiven Gebrauch historischer Analogien - von der Gesundheitsdiktatur, Sophie Scholl oder das "Ermächtigungsgesetz" - auf den Grund gegangen. Neben Alexander Leistner kamen u.a. die ehemalige Bürgerrechtlerin Marianne Birther und die Historikerin Ute Frevert zu Wort. Den Film kann man dauerhaft in der Mediathek nachschauen.
Ebenfalls über dieses Thema sprach unser Mitarbeiter mit den Macherinnen des Podcasts "Kammerflimmern und mediales Rauschen". Die zweistündige Sendung "Die Freiheit, die sie meinen. Querdenken Decoded" bietet sehr viel Hintergrundmaterial und ist hier  verfügbar.

Und weil wir keine Gespräche mehr unter zwei Stunden führen, war Anna Lux vom Freiburger "89goespop"-Projekt in der Radiosendung "Mrs. Pepsteins Welt" zu Gast. Zusammen mit der Musikerin Nadja von Brockdorff sprach sie über 1989 in der Popkultur, ihre biografischen Bezüge zum Thema und über die (musikalische) Sozialisation in den 90ern.

Praxiswerkstätten zum Thema "Multiperspektivität"

Im Mai fand unsere zweite Praxiswerkstatt am Institut für Kulturwissenschaften statt. Der zweitägige Workshop zur DDR-Geschichtsvermittlung widmete sich dem Thema Multiperspektivität.

Die teilnehmenden Kolleg*innen der historisch-politischen Jugendbildung tauschten sich zunächst über eigene Geschichtsbilder und Perspektiven ihrer Einrichtungen aus. Am zweiten Tag gaben die Mitarbeiter*innen des Projektverbundes „Erbe89“ Einblicke in ihre Forschungsarbeit. Anna Lux diskutierte im Werkstattgespräch „Vielfalt in Geschichte(n) – Populärkulturelle Bezugnahmen auf 1989“ aktuelle Beispiele aus der Musik und reflektierte mit den Teilnehmenden deren Einsatz für die Bildungsarbeit. Unter dem Titel „Vereindeutigungen von Geschichte(n) - politische Umdeutungen von 1989 in der Gegenwart“ kamen Greta Hartmann und Alexander Leistner mit den Bildner*innen ins Gespräch. Sie gaben zunächst einen Überblick über verschiedene politische Re-Aktualisierungen von 1989. Im Anschluss tauschten sie sich mit den Teilnehmenden über deren Erfahrungen mit politischen Bezugnahmen in der Bildungsarbeit aus und sprachen über die Gefahren extrem rechter Vereinnahmungen für historisch-politische Bildungssettings.  

Der Workshop fand ein weiteres Mal digital statt und wurde auf zwei Termine gesplittet. Die kleineren Gruppen schufen einen vertrauensvollen Rahmen und förderten eine lebendige Kommunikation und konstruktive Zusammenarbeit.

Geschichte erinnern, Geschichte wiederholen, Geschichte differenzieren - mediale Resonanzen von Erbe89

Noch stärker als im letzten Jahr standen unsere Teilprojekte 2020 im Fokus der Öffentlichkeit. Das sehr breite Spektrum der Berichterstattung zeigt zum einen wie die Teilprojekte des Verbundes inhaltlich ineinandergreifen und zum anderen, wie aktuell unsere Forschungsthemen sind. Den Auftakt medialer Resonanzen bildete dabei der 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Hier ist zu beobachten, dass das Erinnern in diesem Jahr nachdenklicher, gegenwartsbezogener ist und stärker überlagert von den Transformationerfahrungen der 1990er Jahre. Diese Ambivalenz "zwischen Aufbruch und Abbruch" thematisierte Alexander Leistner in einem Interview mit dem SPIEGEL. Internationale Beobachter*innen nahmen den Jahrestag zum Anlass, um nach der Gegenwart von 1989 zu fragen und vor allem nach den rechtspopulistischen Aneignungen und Erfolgen. So geschehen in Finnlands größter Tageszeitung, deren Artikel über unser Projekt wir die Erkenntnis verdanken, wie unglaublich lautmalerisch der Begriff "Friedensgebete" auf finnisch klingt: rauhanrukouskokouksista. Die Frage, welche Rolle die Kirchen im Vorfeld der Wiedervereinigung spielte, hat Monika Wohlrab-Sahr in einem Gespräch mit dem SWR beantwortet (ab Minute 21).

Demonstrant*innen der "Querdenken"-Kundgebung auf dem Augustusplatz, Leipzig 7.11.20
Beginn des (nicht genehmigten) Demonstrationszugs um den Innenstadtring
Ein Demonstrant imaginiert die historische Dimension der Kundgebung

 

Das Gedenken wurde in diesem Jahr zugleich überlagert von den vielfältigen historischen Bezügen auf 1989 und die DDR in den Protesten der letzten Monate gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Dies war zunächst Thema in einem rege zitierten Interview mit Christina Schwarz anlässlich der Veröffentlichung unsere Bestandsaufnahme zu außerschulischer Geschichtsvermittlungen unter den Bedingungen der Pandemie. Gleichzeitig haben wir das Thema im Teilprojekt zu "alltagsweltlichen Demokratieverständnissen" im Rahmen einer Fallstudie zur bundesweiten Querdenkendemonstration am 07.11.2020 in Leipzig aufgegriffen. Die bundesweite Mobilisierung, um auf dem Leipziger Ring die Geschichte von 1989 zu wiederholen, hat Alexander Leistner in einem Artikel und einem Interview für das Neue Deutschland eingeordnet und ausführlicher noch einmal in einem längeren Radiointerview und einem Fernsehbeitrag von MDR Exakt kommentiert. Zu beobachten ist dabei, dass der historische Bezug auf die Friedliche Revolution in diesen (alles andere als friedlichen) Protesten Teil eines besorgniserregenden Radikalisierungsprozesses ist. 

So polarisiert die Erinnerung an 1989 in politischen Konflikten unsere Tage ist, so differenziert und ambivalent wird diese Zeit zunehmend innerhalb "populärer Darstellungen von 1989" erzählt. Über solche korrigierende und differenzierende Ambivalenzerzählungen hat Anna Lux in einem ausführlichen Interview mit dem Deutschlandfunk gesprochen. Jonas Brückner diskutierte im Deutschlandfunk Kultur in einem Beitrag über "1989 in Pop und Punk: Wie klingt Musik über die Wende?". Anlass der beiden Interviews war der Launch unserer Homepage http://www.89goespop.de/

Start der Praxiswerkstätten zur DDR-Geschichtsvermittlung an der Universität Leipzig

In der vergangenen Woche fand am im Rahmen des BMBF-Forschungsprojektes „Soziologie der außerschulischen Geschichtsvermittlung“ am Institut für Kulturwissenschaften ein zweitägiger Workshop zur DDR-Geschichtsvermittlung statt. Insgesamt 26 Kolleg*innen aus über 20 Institutionen aus dem Bereich der historisch-politischen Bildung waren eingeladen, um sich zu vernetzen und sich über ihre Arbeit in den jeweiligen Bildungsstätten auszutauschen. Die Praxiswerkstätten sollen zukünftig zwei Mal im Jahr an der Universität Leipzig durchgeführt werden.

Nachdem es am ersten Tag darum ging, sich als kontinuierlich zusammenarbeitende Gruppe kennen zu lernen, standen am zweiten Tag gemeinsame Reflektionen zum Thema „Der außerschulische Lernort - Selbstverständnis und Erwartungen an Bildungsarbeit mit Jugendlichen außerhalb der Schule“ im Mittelpunkt. Deborah Krieg von der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt/M.) gab dazu wichtige inhaltliche Impulse für eine produktive Auseinandersetzung der Teilnehmenden. In einem Expert*innengespräch gewährte sie interessante Einblicke in ihre langjährige Arbeit als Bildungsreferentin.

Der Workshop fand digital statt und wurde auf zwei Termine gesplittet. Bereits Mitte Oktober trafen sich die ersten 13 Teilnehmenden online, nun arbeitete die zweite Gruppe zusammen. Wir bedanken uns für die äußerst konstruktive Zusammenarbeit und freuen uns auf die kommenden Workshops.

Die Teilnehmenden
Das Online-Plenum
Referentin Deborah Krieg

Friedliche Revolution 2.0? Zur performativen Aneignung von 1989 durch „Querdenken“ am 7. November 2020 in Leipzig

Am 7. November mobilisierte die Bewegung „Querdenken“ bundesweit nach Leipzig, um gegen die in der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen zu demonstrieren. Dabei wurde bereits im Vorfeld dazu aufgerufen „Geschichte gemeinsam [zu] wiederholen“ und in vielfältiger Weise auf die Proteste des Herbstes 1989 Bezug genommen. Auch die gewählten Demonstrationsorte sowie die Aufrufe mit Kerzen um den Leipziger Innenstadtring zu laufen, kündigten den Versuch einer Reinszenierung der historischen Montagsdemonstrationen an. Deshalb haben wir uns entschieden, uns das Demonstrationsgeschehen am 7.11. genauer anzusehen.

Auf Grundlage der Demonstrationsbeobachtung ist nun von unserer Kollegin Greta Hartmann zusammen mit der Historikerin Dr. Sabine Stach ein erster Text zur performativen Aneignung von 1989 durch „Querdenken“ erschienen. Der Text ist ab sofort auf zeitgeschichte|online zu finden, einem Internetportal des Leibniz-Zentrums für Zeithistoritsche Forschung in Potsdam, dessen Beiträge gegenwärtigen gesellschaftlichen Konflikten, Diskursen und Ereignissen einen historischen Kontext bieten wollen.

[Link zum Text auf zeitgeschichte|online]

NEU: Unsere Website 89goespop.de

Ein Anliegen des Projektverbundes ist der kontinuierliche Transfer von Wissen und Ergebnissen aus unserer Forschungen auch an breitere Öffentlichkeiten. In dem Zusammenhang präsentiert das Teilprojekt zu Populären Darstellungen von `89 die Website www.89goespop.de.

Hier widmen wir uns dem weiten Feld der populären Geschichtskultur, das gerade in den letzten Jahren – zumal im Kontext der Jubiläen zu 1989 und Wiedervereinigung – einen Boom erlebt hat. Entlang der Kategorien Musik, Digitales, Film und Literatur stellen wir auf der Website das recherchierte Material vor, betten es in Kontexte ein, liefern prägnante Einführungen und erste Analysen.

Die Website wird kontinuierlich erweitert. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf Popmusik, die als Medium des Erinnerns an 1989 bislang wenig beachtet und erforscht wurde. Zudem präsentieren wir einige Empfehlungen aus dem Netz.

Die Website richtet sich an alle Interessierte. Ein wichtiges Anwendungsgebiet sehen wir für die Arbeit an Schulen und in der historisch-politischen Bildung.

Wir freuen uns über Kommentare und Rückmeldungen unter info@89goespop.de.

Auswirkungen und Herausforderungen der COVID-19-Pandemie im Handlungsfeld der außerschulischen historisch-politischen Bildung zur DDR – Zusammenfassung einer Kurzerhebung

Die Covid-19-Pandemie prägt seit Monaten große Teile des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Eine Reihe von Schutzmaßnahmen verändern gewohnte Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten. Davon sind Bildungseinrichtungen im besonderen Maße betroffen. Vor diesem Hintergrund hat das Forschungsprojekt „Soziologie der außerschulischen Geschichtsvermittlung“ anhand eines Fragebogens die aktuellen Herausforderungen, Problemlagen und Chancen außerschulischer Jugendbildungsinstitutionen mit dem Themenschwerpunkt DDR-Geschichtsvermittlung erfasst. Im Fokus standen dabei neben der Umstrukturierung des Arbeitsalltags und der Arbeitsorganisation, auch inhaltliche und methodische Veränderungen der Vermittlungsarbeit sowie sich ändernde Kommunikationsformen und Rahmenbedingungen.

Lesen Sie hier den ausführlichen Bericht [PDF]

Rückfragen richten Sie bitte an Christina Schwarz (christina.schwarz@uni-leipzig.de)

"89 goes Pop" jetzt auch auf Instagram

Folgen Sie unserem Account. Hier gibt es aus dem Projekt "Populäre Darstellungen zu 1989" regelmäßig Einblicke, Funde und Aktuelles zur 'langen Geschichte der Wende'. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

FRISTVERLÄNGERUNG! Die Ausschreibung für die Praxiswerkstätten für historisch-politische Bildner*innen läuft noch bis 15. April 2020!

Ab Mai 2020 sollen am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig regelmäßig Praxiswerkstätten für Bildner*innen aus dem Bereich der außerschulischen DDR-Vermittlung angeboten werden. Die Werkstätten sollen einen kollegialen Austausch sowie die wissenschaftliche Reflektion der Vermittlungspraxis ermöglichen. Die Ausschreibung wird auf Grund der aktuellen Lage verlängert: Interessierte Praktiker*innen des Feldes sind eingeladen, sich bis zum 15. April 2020 mit einem kurzen Motivationsschreiben für die Teilnahme zu bewerben. Die Praxiswerkstätten finden im Rahmen des Teilprojektes "Soziologie der außerschulischen Geschichtsvermittlung" des BMBF-Forschungsverbundes "Das umstrittene Erbe von 1989" statt. 

Lesen Sie hier die ausführliche Ausschreibung.

Rückfragen und Bewerbungen richten Sie bitte an:
Christina Schwarz (christina.schwarz@uni-leipzig.de)

Auftakttagung: Erbe ’89. Politisierung der Erinnerung – Deutungsversuche und Erklärungsansätze

Am 29. und 30. November fand in Leipzig unsere Auftakttagung statt. Wir möchten uns noch einmal bei allen Beteiligten herzlich bedanken – vor allem für die anregenden Vorträge und Diskussionen.

Unsere Tagung fand einige mediale Aufmerksamkeit. So berichtete der Deutschlandfunk in „Aus Kultur- und Sozialwissenschaften“ am 5. Dezember. Landeskorrespondent Bastian Brandau sprach mit der Projektmitarbeiterin Greta Hartmann über den umkämpften Charakter von ’89, mit der Historikerin Ute Frevert über das Narrativ der Demütigung in Ostdeutschland sowie mit Anna Lux, ebenfalls Mitarbeiterin im Projekt, über ostdeutsche Identitätsverhandlungen in der Popmusik: [Direktlink zum Audiobeitrag im Archiv des Deutschlandfunk]

Ein Tagungsbericht von Mandy Tröger und Daria Gordeeva findet sich auf dem Blog „Das mediale Erbe der DDR“: https://medienerbe.hypotheses.org/1007

Bereits einige Tage vor der Tagung berichtete Radio Corax in einem Gespräch mit Greta Hartmann über die Schwerpunkte der Tagung: https://radiocorax.de/erbe-89-politisierung-der-erinnerung/

Nils Kahlefendt blickt für MDR Kultur auf die Tagung zurück. Neben Interviews mit den ProjektmitarbeiterInnen Anna Lux und Alexandner Leistner bietet das Feature ausführlichere O-Töne nebst Einordnung von David Begrich, Toralf Staud, Karl-Siegbert Rehberg, Barbara Thériault, Ute Frevert und Andreas Kötzing - verbunden durch von der Tagung oder ihrem Thema inspirierte, popkulturelle Einschübe:

Greta Hartmann, Alexander Leistner und Monika Wohlrab-Sahr
Anregende Diskussionen
Ute Frevert, Anna Lux und Hedwig Richter im Gespräch

„Letztes Jahr Titanic“. Momentaufnahmen einer verunsicherten Zeit (1989/90). Filmvorführung und -gespräch

Am Vorabend der Tagung (28. November) zeigten wir den Dokumentarfilm "Letztes Jahr Titanic" (1991) von Andreas Voigt und diskutierten mit dem Regisseur. Der Film spielt zwischen Dezember 1989 und Dezember 1990 in Leipzig. Er reiht Absurdes an Berührendes, Wut steht neben Angst und Freude. Der tiefgreifende Umbruch und die Verunsicherungen werden in jedem Gespräch spürbar, das der Regisseur führt, egal ob mit Arbeitern, einer Journalistin oder mit Jugendlichen. Der Film spiegelt die vielschichtigen Erfahrungen dieser Zeit, ist Tragödie und Groteske gleichermaßen. Zudem ist der Film auch hochaktuell. Entsprechend groß war das Interesse, der Saal mit 200 Plätzen in der Leipziger Albertina fast vollständig besetzt. Die Abendveranstaltung fand in Zusammenarbeit mit dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.

Tina Flux im Gespräch mit Andreas Voigt
Filmausschnitt "Letztes Jahr Titanic"
Zuschauer*innen am Eröffnungsabend


 

„Zur Aktualität von 1989 als Widerstandserzählung“ - neue Projektpublikation

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, widmet sich dem 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Unter dem Titel "Das letzte Jahr der DDR" versammelt das Heft Beiträge u.a. zur Frage wofür die friedliche Revolution 30 Jahre nach dem Mauerfall steht und welche Rolle die Erinnerung in aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Ostdeutschland spielt. Greta Hartmann und Alexander Leistner aus dem Teilprojekt zur "Politisierung von 1989" haben dafür einen Aufsatz beigetragen, der einen Abriss über geschichtpolitische Bezugnahmen und Instrumentalisierungen von 1989 im Kontext von Protestbewegungen liefert. Dabei wird auch die Rolle von 1989 in den aktuellen ostdeutschen Wahlkämpfen beleuchtet. Eine Übersicht der aktuellen Debatte über die Instrumentalisierung der friedlichen Revolution hat die Robert Havemann Gesellschaft erstellt. Sie dokumentiert dort Stellungnahmen und Zeitungsbeiträge zu dieser Diskussion.

 

Szenische Lesung mit Manja Präkels

1989/90. Brandenburgische Provinz. Landleben zwischen Lethargie und Lebenslust. Mimi und Oliver sind Nachbarskinder und Angelfreunde. Sie spielen Fußball zusammen und berauschen sich bei Familienfesten an den Schnapskirschen ihrer Eltern. Mit dem Mauerfall zerbricht ihre Freundschaft. Mimi wird zur linken Zecke, Oliver unter dem Kampfnamen Hitler zum Anführer von marodierenden Jugendbanden.

In ihrem Debütroman erzählt die 1974 in Zehdenick/Mark geborene Autorin Manja Präkels von Jugendlichen zur Wendezeit. Es geht um das Verschwinden von Vertrautem, um Freundschaften und Wut, um Aufbrüche und Weggehen und um die Frage, wie damit umgehen, wenn die eigene Heimat Angst macht. Der Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß ist autobiographisch geprägt. Es ist ein historisches Buch und ein hochaktuelles. Präkels erhielt für ihren Roman 2018 u.a. den Jugendliteraturpreis sowie den Anna-Seghers-Preis. Sie gehört heute zu den wichtigsten Stimmen zum Thema Rechtsextremismus und Ostdeutschland.