Populäre Darstellungen von ’89 und historisch-politische Bildung

Das historische Teilprojekt an der Universität Freiburg rückt die Vielfalt des populärkulturellen Erinnerns an die Umbruchszeit in den Mittelpunkt. Untersucht werden populärkulturelle Aneignungen von ’89, die von Roman, Film und Comic über Theater und Popmusik bis zu Präsentationen im Internet oder im Rahmen von Gedenktagen (etwa das Leipziger Lichtfest) reichen.

Im Projekt wird danach gefragt, ob und wie in der populären Geschichtskultur ergänzende und/oder konkurrierende Deutungen zum erinnerungskulturell dominierenden Narrativen eine Bühne finden.

Im Rahmen des Projekts wird zunächst eine Bestandsaufnahme populärer Geschichtspräsentationen zu ’89 erstellt. Auf dieser Grundlage werden exemplarisch Geschichtsbilder und -deutungen von ’89 rekonstruiert. Ein Schwerpunkt wird auf Romanen und Texten der sog. 89er Generation liegen, also auf Autoren und Autorinnen, die zum Zeitpunkt des Umbruchs Kinder oder Jugendliche waren und seit den Nullerjahren verstärkt in den Diskurs über ’89 eintreten.

Wie 1989/90 im Osten wie im Westen der Republik erinnert wird, ist eine weitere Perspektive des Projekts, um die Umbruchszeit auch in einer gesamtdeutschen Perspektive zu fokussieren. Dabei wird zu diskutieren sein, ob und wie populäre Geschichtsdarstellungen auch für die historisch-politische Geschichtsvermittlung fruchtbar gemacht werden können.

’89 goes Pop

An dieser Stelle präsentieren wir in loser Reihenfolge Beispiele populärer Geschichtsdarstellungen zum Umbruch 89/90 und den ost- und gesamtdeutschen Entwicklungen in den frühen 1990er Jahre. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll hier in eine Art Panorama der populären Darstellungen zu 89/90 entstehen, das die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Darstellungen und Deutungen zeigt.


 

Patrick Hoffmann, „Die letzte Sau“ (Roman)

Er ordnete seine Sachen und zog einen Strich unter sein bisheriges Leben. Er war dreiundvierzig.“

Der Roman des 1971 in Borna geborenen Autors spielt im Dezember 1992 in dem weitgehend verwaisten, fiktiven Dorf Muckau am Rande eines aktiven Tagebaus südlich von Leipzig. Die Familie Schlegel kommt ein letztes Mal an altbekanntem Ort zusammen, da Haus und Hof noch zu DDR-Zeiten verkauft wurden und, so zumindest der Plan, der Kohle weichen sollen. Anlass der Zusammenkunft ist die titelgebende letzte Sau der Schlegels, deren traditionelle und aufwendige Schlachtung und Verwertung gleichsam den Takt dieser an einem einzigen Tag spielenden Handlung bestimmt.

Der Roman verhandelt im Rahmen des Schlachtfests und anhand der Familie, zu der drei Generationen, von den gerade erwachsenen Kindern bis zu den beiden Großeltern gehören, eine Vielzahl von Themen: Neue Eigentumsverhältnisse, wirtschaftlicher Strukturwandel, Familien- und Generationenkonflikte, Ost-West-Unterschiede, Verhältnis zum und Rollen im vergangenen Staatsozialismus, soziale und räumliche „Heimat“ im Umbruch. Nicht zuletzt werden Geschlechterrollen und deren Klischees subtil bis kräftig durcheinandergewirbelt.

Durch die vielschichtigen, auch widerstreitenden Perspektiven der unterschiedlichen Generationen und Charaktere (zu der auch eine westdeutsch sozialisierte gehört) gelingt es der Erzählung, ein Panorama gesellschaftlicher Stimmungslagen und Diskurse der unmittelbaren Nachwendezeit in der ostdeutschen Provinz aufzuzeigen, ohne über sie zu urteilen. Es werden verschiedenste Brüche im Berufsleben, in der Landschaft, in der Gesellschaft, Krisen, aber auch Neuanfänge und Chancen aufgezeigt. Das voranstehende Zitat veranschaulicht so nicht die, sondern eine von vielen Perspektiven, die der Roman zugänglich macht.

Der teilweise naturalistisch wirkende Schreibstil – Durcheinanderreden, Dialekt, Andeutungen und Assoziationen, abgebrochene Sätze, aber auch Einblicke in die Gedankenwelt der Figuren – vermittelt der Leser*in den Eindruck, buchstäblich mit am Tisch der Familie Schlegel zu sitzen.

Der Roman kann somit als eine komplexe literarische Verarbeitung von Zeitgeschichte gelesen werden, die eben auch von ihren realen Protagonist*innen sehr unterschiedlich und vielfach ambivalent wahrgenommen wurde. Damit hebt sich der Text angenehm von anderen, zum Teil eindeutigen Urteilen über die „Wende-“ und „Nachwendezeit“ ab. Wenngleich die Erzählung die tiefen Brüche dieses Erfahrungsraums nicht ausspart, kommt sie doch leichtfüßig und sinnlich erfahrbar daher – vom familiären Stuhltanz, bzw. der Reise nach Jerusalem, über reichlich Essen und Gesang, bis hin zum durchaus symbolisch verstehbaren Schlachtvorgang.

Patrick Hoffmann, „Die letzte Sau“, Schöffling, 2009

 

Kettcar, "Sommer ’89" (Musikvideo)

Das Video "Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" provozierte im Sommer 2015 eine Vielzahl von Diskussionen in den öffentlichen und sozialen Medien – auch weil es 89 auf eine doppelt andere Weise als üblich thematisiert. Das Video zeigt zum einen die westdeutsche Perspektive, inklusive der Diskussionen am WG-Tisch über die Legitimität von Fluchthilfe und die Gefahren einer möglichen Wiedervereinigung. Zum anderen ist das Video Beispiel für eine Re-Aktualisierung von ’89 und ein Kommentar zur sog. Flüchtlingskrise im Sommer 2015.